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Branchenwechsel
 
Herr Kortte schien etwas nervös zu sein. Er hatte vor ein paar Tagen angerufen und um einen Termin gebeten. Er war ein sportlicher Mittvierziger, schlank mit durchtrainiertem Körper, markanten Gesichtszügen und hellblauen Augen. Er hatte mir vorab seinen Lebenslauf geschickt, und so wusste ich, dass er verheiratet war und drei Kinder hatte. Und, auch das ging aus seinem Lebenslauf hervor, er hatte sein ganzes bisheriges Berufsleben in einer Branche verbracht. Ich war gespannt, was er mir erzählen würde.
„Danke, dass Sie so schnell Zeit für mich hatten“, sagte Herr Kortte, „Sie haben sicher schon in meinen Lebenslauf geschaut“. „Ja, das habe ich, aber erzählen Sie doch, wie es zu der jetzigen Situation gekommen ist, und dann können wir darüber sprechen, wie ich Sie unterstützen könnte. Ist das ok für Sie“. Er nickte und begann zu erzählen. Er hatte Schifffahrtskaufmann gelernt. Das war zwar eher zufällig zustande gekommen, aber die Internationalität der Schifffahrt hatte ihn schon als kleiner Junge fasziniert, und so war es ihm auch wie eine Fügung vorgekommen, als er bei einer kleinen Reederei seine verkürzte Ausbildung machen konnte. Danach hatte er eine erste interessante Stelle bekommen, und die Reederei hatte ihn ermutigt, parallel seinen Betriebswirt zu machen. Er hatte schnell gelernt, dass die Reederei ein hartes Geschäft ist, aber er war gut. Allerdings war ihm auch bald klargeworden, dass die Aufstiegsmöglichkeiten in dem kleinen Betrieb begrenzt waren. Über einen Freund hatte er einen Kontakt zu einem größeren Unternehmen bekommen. Schon nach zwei Gesprächen war er sich mit der neuen Firma handelseinig gewesen. Er bekam erste Führungsverantwortung. Die nächsten Jahre waren recht erfolgreich, auch privat. Sie hatten gerade ein Haus gekauft, als wenige Monate später die Firma in die Insolvenz ging. Es war nicht leicht gewesen, eine neue Anstellung zu finden, und er musste in der damaligen Arbeitsmarktlage auch Abstriche machen.
 
In unserem Leben sind viele Goldstückchen versteckt. Man muss sie nur wieder herauswaschen.
 
Nach zwei Jahren bekam er ein attraktives Angebot über eine Personalberatung. Er entschied sich für die neue Firma, wurde nach der Probezeit Prokurist mit der Aussicht, später einen der Geschäftsführer zu beerben. Aber auch diese Firma ging wenige Jahre später in die Insolvenz. Große Ressourcen hatte er nicht, inzwischen war auch das dritte Kind da, das Haus nicht abbezahlt, also musste schnell wieder ein Job her. Trotz der negativen Erfahrungen mit der Branche entschied er sich sehr schnell für das Angebot eines Mitbewerbers. Auch wenn die Konditionen schlechter waren, er hatte schnell wieder eine Beschäftigung gefunden. Er mochte seine Arbeit, er mochte dieses Weltläufige der Schifffahrt, diese Internationalität, das Verhandeln und Dealen in verschiedenen Sprachen. Über die Jahre hatte er seine Sprachkenntnisse deutlich verbessert. Nachdem nun auch dieses Unternehmen sich verkleinern musste gehörte er, weil er noch nicht solange dabei war, zu denen, die zuerst von der Trennung betroffen waren. „Da stehe ich nun“, beendete er seine Erzählung, „und hoffe, dass ich mit Ihnen gemeinsam einen Weg finde, wie ich mich neu orientieren kann. Und eins sage ich Ihnen, auch wenn es mir schwerfällt, ich will raus aus dieser Branche. Mein Ziel ist es, endlich etwas Sicheres zu haben, wo ich nicht befürchten muss, dass nach ein paar Jahren alles wieder in die Binsen geht. Und es soll wieder Spaß und Freude machen“. Ich schaute ihn an. „Das kann ich gut verstehen. Kommt denn wirklich auch eine andere Branche in Frage?“ „Glauben Sie, dass das möglich ist?“ entgegnete er, „ich bin jetzt seit 25 Jahren in dieser Branche. Die gefällt mir ja auch.  Wir brauchen nur eine sichere Firma.“ „Genau das ist das Problem. Aber lassen Sie uns erst einmal an Ihrem Profil arbeiten, damit wir beide sehen, was Sie ausmacht und welche Chancen sich daraus ergeben, einverstanden?“ „Gut, so können wir es machen“. In den nächsten Gesprächen durchleuchteten wir seine ganze Vita, so dass ein komplexes Bild seiner Persönlichkeit entstand: was ihn ausmachte, was er leisten konnte, was er an Erfahrung zu bieten hatte. Vieles, was er für selbstverständlich gehalten hatte, war ihm durch diesen intensiven Prozess deutlich geworden. Es war nicht immer leicht gewesen, ihn zu überzeugen. Aber in einem stetigen Prozess der Annäherung hatten wir eine hohe Übereinstimmung zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung erreicht. „Ich hätte nicht gedacht, dass das alles in mir steckt. Und was machen wir jetzt damit?“ Fragend schaute er mich an. „Jetzt haben wir die Freiheit, Transfermöglichkeiten zu suchen“, entgegnete ich. „Transfermöglichkeiten?“ „So ist es. Von diesem Punkt aus können wir jetzt prüfen, auf welche Branchen Ihr Profil übertragbar ist, wo Sie eine Chance haben könnten. Das war doch Ihr Ziel“. Er nickte zustimmend. Es war geschafft. Nun war er offen für Veränderung. Wir schärften sein Profil und gingen wenig später an den Markt. In der Vorbereitung der Bewerbungsgespräche zeigte sich immer mal wieder ein „Rückfall“ in alte Denkweisen, aber das wurde immer weniger. Er hat in einer benachbarten Branche eine gute Anstellung gefunden in einem als sehr sicher geltenden Unternehmen verbunden mit der Chance auf eine weitere berufliche Entwicklung. Wir blieben in der Probezeit im Kontakt. Und auch heute telefonieren wir ab und zu, wenn er einen Rat braucht.

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